Mul­ti­ple Akti­vie­rungs­zu­stände von Rezeptoren

Mul­ti­ple Akti­vie­rungs­zu­stände von Rezeptoren

Kön­nen Rezep­to­ren unter­schied­li­che aktive Zustände haben, die selek­tiv bestimmte Wir­kun­gen aus­lö­sen? Das wird seit Lan­gem ver­mu­tet. Nun gibt es einen Beweis dafür.

Wenn ein Hor­mon oder ein Neu­ro­trans­mit­ter einen Rezep­tor akti­viert, dann ist die ein­fachste Vor­stel­lung, dass der Rezep­tor wie ein Schal­ter von „aus“ auf „an“ umge­stellt wird. Im akti­ven Zustand („an“) erzeugt ein Rezep­tor bio­che­mi­sche Signale inner­halb der Zelle, an deren Ober­flä­che er sitzt. Die Signale füh­ren zum Bei­spiel zu einem beschleu­nig­ten Herz­schlag oder zu erhöh­ter Akti­vi­tät von Ner­ven­zel­len. Aller­dings gibt es eine ganze Reihe von Hin­wei­sen dar­auf, dass das Ganze kom­pli­zier­ter sein könnte. Dem­nach könnte ein Rezep­tor ver­schie­dene aktive Zustände anneh­men, je nach­dem von wel­cher Sub­stanz er akti­viert wird. Die unter­schied­li­chen akti­ven Zustände könn­ten dann auch unter­schied­li­che Reak­tio­nen auslösen.

Ein Team aus der ehe­ma­li­gen Arbeits­gruppe von Martin Lohse am MDC Ber­lin und dem Son­der­for­schungs­be­reich 1423 in Leip­zig um Irene Coin und Andreas Bock hat nun einen direk­ten Beweis erbracht, dass Rezep­to­ren meh­rere aktive Zustände haben kön­nen. Die Ergeb­nisse sind jetzt in der Zeit­schrift Nature erschienen.

Um die Akti­vie­rung von Rezep­to­ren sicht­bar zu machen, ver­sah die Dok­to­ran­din Romy Tho­mas deren Ober­flä­che mit win­zi­gen fluo­res­zie­ren­den Mar­kie­run­gen. Sobald sich nun ein akti­vier­tes Rezep­tor­mo­le­kül bewegte, führte das bei eini­gen Mar­kie­run­gen zu einer Zunahme, bei ande­ren zu einer Abnahme des fluo­res­zie­ren­den Leuch­tens. Dar­aus ergab sich ein Bewe­gungs­bild des Rezeptors.

Akti­vier­ten die Wis­sen­schaft­ler die mar­kier­ten Rezep­to­ren mit ver­schie­de­nen Sub­stan­zen, so zeig­ten die Ver­än­de­run­gen der Fluo­res­zenz für jede der Sub­stan­zen ein eige­nes Pro­fil. Mit ande­ren Wor­ten: Jede Sub­stanz trig­gerte ganz spe­zi­fi­sche kleinste Bewe­gun­gen des Rezep­tor­mo­le­küls und erzeugte je einen spe­zi­fi­schen akti­ven Zustand. Und jeder die­ser Zustände erzeugte wie­derum eigene bio­che­mi­sche Reak­tio­nen in der Zelle.

Diese Beob­ach­tun­gen haben wich­tige Kon­se­quen­zen für die Ent­wick­lung von Arz­nei­mit­teln, denn mehr als ein Drit­tel aller Arz­nei­mit­tel wirkt über Rezep­to­ren. Wenn es nun mög­lich ist, dabei spe­zi­fi­sche Akti­vie­rungs­zu­stände zu erzeu­gen, dann müss­ten sich Arz­nei­stoffe ent­wi­ckeln las­sen, die an einem bestimm­ten Rezep­tor ganz unter­schied­li­che Wir­kun­gen entfalten.

Bei ISAR Bioscience wird mit dem vom Euro­pean Inno­va­tion Coun­cil geför­der­ten UniS­ens-Pro­jekt ein inno­va­ti­ves Ver­fah­ren ent­wi­ckelt, um sol­che spe­zi­fi­schen Akti­vie­rungs­zu­stände von Rezep­to­ren ein­fach zu mes­sen. „Der jetzt vor­lie­gende Nach­weis unter­schied­li­cher Akti­vie­rungs­me­cha­nis­men eines Rezep­tors bestä­tigt die Grund­hy­po­these des UniS­ens-Pro­jek­tes“, sagt die Pro­jekt­lei­te­rin Mar­tha Som­mer. „Wir wol­len der Arz­nei­mit­tel­in­dus­trie dafür eine uni­ver­sell ein­setz­bare Nach­weis­me­thode zur Ver­fü­gung stellen.“

Tho­mas R, Jacoby PS, De Faveri C, Derieux C, Lie­bing A-D, Mel­kes B, Mar­tini H-J, Ber­mu­dez M, Stäu­bert C, Lohse MJ, Coin I, Bock A (2026) Ligand-spe­ci­fic acti­va­tion tra­jec­to­ries dic­tate GPCR signal­ling in cells, Nature (in press)

Die Gra­fik zeigt, wie ein zuvor inak­ti­ver Rezep­tor durch vier ver­schie­dene akti­vie­rende Sub­stan­zen vier cha­rak­te­ris­ti­sche Bewe­gungs­mus­ter erken­nen lässt (rechte Seite). Wahr­nehm­bar wird die Bewe­gung durch mehr oder weni­ger star­kes fluo­res­zie­ren­des Leuch­ten an der Ober­flä­che des Rezep­tors. In der Stu­die wurde die Leucht­stärke an sechs Punk­ten auf der Ober­flä­che des Rezep­tors gemes­sen. Eine Zu- oder Abnahme des Leuch­tens zeigte sich durch mehr oder weni­ger große Berge und Täler an den Mess­punk­ten. Jede Sub­stanz erzeugte ein eige­nes Pro­fil von Ber­gen und Tälern, also von Bewe­gun­gen im Rezeptor.

Tho­mas R, Jacoby PS, De Faveri C, Derieux C, Lie­bing A-D, Mel­kes B, Mar­tini H-J, Ber­mu­dez M, Stäu­bert C, Lohse MJ, Coin I, Bock A (2026) Ligand-spe­ci­fic acti­va­tion tra­jec­to­ries dic­tate GPCR signal­ling in cells, Nature (advan­ced online publication)

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